Historia societatis studentum Soraborum Lipsiensis, quae „Sorabija“ dicitur
Die Geschichte der Sorabija
Die ersten 50 Jahre
Zwei Jahrhunderte nach der Reformation: Luthers Forderung, das Evangelium einem jeden Volk in seiner Muttersprache zu verkünden, hatte sich allmählich auch in der sorbischen Lausitz durchgesetzt. Unter den angehenden sorbischen Geistlichen auf der Alma Mater Lipsiensis erwuchs das Bedürfnis, sich zum Zwecke des Predigens in der Muttersprache zu üben. Zunächst verfassten sie auf ausdrückliche Ermunterung seitens einzelner Professoren sorbische Predigten und trugen sie sich gegenseitig vor.
Am 10. 12. 1716 gründeten darauf sechs sorbische Theologiestudenten mit Erlaubnis des Senates der Alma Mater das „Wendische Predigerkolloquium“, den ersten sorbischen Verein überhaupt. Ihr Grundsatz, zugleich ihre Grußformel: „Soraborum saluti!“
Das Dekanat der theologischen Fakultät erteilte dem „Wendischen Predigerkolloquium“ die Erlaubnis, samstags von 13.00 bis 14.00 Uhr die Paulinerkirche für sorbische Probepredigten zu nutzen. In den Folgejahren erlahmte aber das Vereinsleben fast vollständig, die anfängliche Euphorie war aufgebraucht. Neue Impulse 1728: In Bautzen war die erste vollständige sorbische Bibel im Druck erschienen, woraufhin sich viele junge Sorben zum Studium der Theologie entschlossen. In der Folgezeit wurden das Vereinsleben, insbesondere die sorbischen Predigtübungen, kontinuierlich fortgeführt.
Seit dem Jahre 1755 wurden auch sorbische Studenten anderer Fakultäten und interessierte deutsche Studenten als außerordentliche Mitglieder in das „Wendische Predigerkollegium“ aufgenommen. Bald darauf wurde auch die Vereinstätigkeit erweitert: neben den Predigtübungen wurden nunmehr auch Übersetzungen vornehmlich deutscher Texte ins Sorbische verfasst und auf monatlichen Konventen rezensiert und diskutiert . Desweiteren legte man sich - durchaus im Stile der Freimaurer - einen Orden, eine silberne Triangel mit der Inschrift „Soraborum saluti“ zu, die nur zu vereinsinternen Gelegenheiten getragen werden durfte. Solcherlei geheimnisvolle Machenschaften jedoch missfielen der kurfürstlichen Landesregierung in Dresden, auf deren Befehl somit 1765 sämtliche Orden vom Rektor magnificus Dr. Plaz konfisziert wurden.
Abermals an die 50 Jahre
Im Jubiläumsjahr1766 ließ die „Wendische Predigergesellschaft“ ein kurzgefasste Geschichte ihres mittlerweile 50-jährigen Bestehens drucken; den Gründungstag selbst feierte man mit einem Festgottesdienst in der Paulinerkirche und anschließendem Redeaktus und Festmahl.
Inzwischen bekam die Predigergesellschaft auch Unterstützung aus der Lausitz: einige sorbische Geistliche, darunter viele ehemalige Mitglieder wie Jurij Mjeń aus Neschwitz, hatten einen Brief an den ersten Professor der theologischen Fakultät, einen gewissen Christian August Crusius, geschrieben, in dem sie ihn baten, das Präsidium der Predigergesellschaft zu übernehmen. Crusius schlug ihnen das nicht ab; von nun an hatte die Predigergesellschaft jeweils einen Professor als Präses, welcher nicht nur deren Übungen fachlich leitete, sondern allgemein für regelmäßige, geordnete Vereinstätigkeit sorgte und durch seine Reputation deren Ansehen nicht unmaßgeblich erhöhte.
Trotz allem scheint, so Carl August Jentsch in der Festschrift zum 150. Jahrestag unserer Gesellschaft, in der Folgezeit „immer mehr und mehr Unordnung und Gleichgültigkeit Eingang gefunden zu haben. Besonders führte zu solcher Unordnung und Gleichgültigkeit die vollkommene Ebbe in der Gesellschaftskasse.“ Und als 1773 der Großteil der Mitglieder Leipzig verließ, musste die Predigergesellschaft vorläufig aufgelöst werden. Erst 1778 wurde sie wieder ins Leben gerufen. Den Tag der ersten öffentlichen sorbischen Predigtübung, die, wie es seit 1716 üblich war, in der Paulinerkirche abgehalten wurde, feierte man laut Jentsch ausgelassen, „wobei alle recht fröhlich waren und viele Toaste ausgebracht wurden. Nach dem Abendessen vergnügte man sich noch bei einer Instrumentalmusik, Bier und Tabak...“.
Bis Anfang des 19. Jahrhunderts wurde die Predigergesellschaft mit wechselnder Intensität kontinuierlich weitergeführt und entwickelte hierbei eine rege wissenschaftliche Tätigkeit. Unter dem Präsidium von Prof. Carus erfuhr die Predigergesellschaft 1807 eine für die Zukunft wegweisende Erweiterung: deutsche Studenten, welche bislang nur als außerordentliche Mitglieder aufgenommen wurden, konnten fortan vollwertige Mitglieder werden; zugleich benannte Carus die „Wendische Predigergesellschaft“ durchaus im Hinblick auf die Görlitzer „Oberlausitzer Gesellschaft der Wissenschaften“ in „Lausitzer Predigergesellschaft“ um und ließ zwei Vereinsälteste (Senioren) wählen: einen für die sorbische Abteilung, den zweiten für die deutsche. Dies wurde notwendig, weil nicht mehr so viele sorbische Studenten wie noch vor Jahren nach Leipzig kamen; im Jahre 1809 zum Beispiel war kein einziger Sorbe mehr Mitglied der Gesellschaft.
In den Wirren des napoleonischen Krieges kam die Vereinstätigkeit erneut zum erliegen.
Die fruchtbarste Zeit
Mit umso größerem Enthusiasmus ließ man die „Lausitzer Predigergesellschaft“ 1814 wieder aufleben. Zunächst begann man ein Vereinsvermögen aufzubauen, das sich in der Folgezeit auch ansehnlich vermehrte. Desweiteren gründete man, um gezielter und spezieller wissenschaftlich arbeiten zu können, zahlreiche Untervereine, denen sog. Subsenioren vorstanden: so gab es z.B. einen exegetischen, homiletischen, psychologischen, philologischen und katechetischen Verein. Besonders intensive Tätigkeit entwickelte der sorbische Verein, das SORABICUM oder auch die sog. SORABIJA: So begann man unter Senior Lubjenski ein sorbisch-deutsches Wörterbuch zu erstellen. In den zwanziger Jahren, als Handrij Zejler in Leipzig studierte, verstärkte die „Sorabija“ ihre Aktivitäten: man sammelte sorbische Volkslieder, Sprichwörter und Märchen, komponierte und dichtete selbst, verfasste sorabistische Abhandlungen und gab zwischen 1826 und 1828 die handschriftliche Wochenzeitung „Serbska Nowina“ heraus.
In der Folgezeit jedoch schwand das sorbische Element mehr und mehr aus der „Lausitzer Predigergesellschaft“ . Zum einen studierten wieder weniger Sorben in Leipzig und zum anderen widmete sich die Predigergesellschaft zunehmend theologischer und anderweitiger wissenschaftlicher Arbeit in ihren deutschen Vereinen, so dass sie dort laut Kirchenhistoriker Gerhard Graf „einen immer mehr vervollkommneten Seminarbetrieb hervorbrachte“.
Seit dem Jahre 1844 war auch Nichtlausitzern der Eintritt in die Gesellschaft möglich und 1851 wurde diese Öffnung erweitert, indem man ihnen auch die vollen Rechte zuerkannte.
Schlagende Verbindung
Doch in wieweit durfte man sich neuen Strömungen, vor allem dem in immer größeren Maße aufkommenden Verbindungswesen, öffnen? Diese Frage wurde immer dringlicher, denn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts blühten die Verbindungen regelrecht auf und verdrängten fast alle anderen studentischen Vereine. Einerseits war man in der Predigergesellschaft bestrebt, den sinkenden Mitgliederzahlen durch Erhöhung der Attraktivität zu begegnen, anderseits war es problematisch den Lebensstil studentischer Verbindungen auf eine Predigergesellschaft zu übertragen.
Schließlich beugte man sich dem Zeitgeist. Die „Lausitzer Predigergesellschaft“ wurde in eine schlagende Verbindung umgewandelt und 1899 fand die erste Säbelpartie in ihr statt. Zur selben Zeit gründete sich der für Verbindungen übliche „Altherrenverband“, welcher deren finanzielle Situation um einiges verbesserte. So konnte die Verbindung 1908 ein eigenes Haus beziehen. Angesichts des 500-jährigen Universitätsjubiläums, legte man sich 1909 einen neuen Namen zu, da der alte ein „Unding“ sei: fortan nannte man sich nur noch „Sorabija“. Dieser Name sollte mehr den urig - landsmännischen Charakter der Verbindung unterstreichen sollte, als dass er einen wirklichen Bezug zum Sorbischen darstellte. Im Zuge dieser Neuerungen wurde die wissenschaftliche und inhaltliche Arbeit stark reduziert, bis sie Anfang des Jahrhunderts gänzlich im Sande verlief. Als kleine Verbindung hatte es die „Sorabija“ in den nächsten Jahren immer wieder schwer, sich gegen die Konkurrenz anderer Verbindungen zu behaupten.
Um dem Zugriff der NS-Behörden zu entgehen, schloss sich die „Sorabija“ 1934 an die „Deutsche Landsmannschaft“ an, welche sich aber zwei Jahre später auf Druck der NS-Behörden auflöste. Somit lebte die „Sorabija“ nur noch in ihrem Altherrenverband fort; doch auch dieser wurde 1942 in den NS Altherrenverband zwangseingegliedert und aus diesem Grund 1945 verboten. Ein dubioses und zwielichtiges Kapitel der Vereinsgeschichte ging damit zu Ende.
Neuanfang im sozialistischen Deutschland
Im Jahre 1951 fanden sich sorbische Studenten unter dem Namen „Sorabija“ erstmals auch im eigenen sorbischen Internat wieder in Leipzig zusammen, diesmal als Ortsgruppe der Domowina, der größten und wichtigsten Institution der Sorben. Dies brachte eine intensive und straff organisierte Aktivität mit sich: monatlich wurden Veranstaltungen wie z B. Lesungen oder Vorträge abgehalten. Auch die „Sorabija“ hatte nach sozialistischer Art einen bestimmten Plan zu erfüllen, worüber an das Zentralkommitee der Domowina regelmäßig Bericht erstattet wurde. Den Bestrebungen der FDJ jedoch, die „Sorabija“ unter ihre Kontrolle zu bringen, wusste man sich erfolgreich zu erwehren. In den siebziger Jahren zählte die „Sorabija“ über 100 Mitglieder. Im Zuge der Wende 1989 und der damit verbundenen Umstrukturierung der Domowina wurde die Domowina-Ortsgruppe Leipzig aufgelöst.
Nach der Wende
Seit dem Jahr 1991 existiert die „Sorabija“ als eingetragener Verein nicht nur sorbischer Studenten. Auch 282 Jahre nach der Gründung ist ihre Hauptaufgabe die Pflege der sorbischen Sprache und der sorbischen Bräuche. Jedes Jahr feiert man zum Beispiel Kirmes, das Hexenbrennen, das Maibaumwerfen und anderes, oder man lädt sich bekannte sorbische Schriftsteller zu einem Literaturabend ein. Zur Zeit hat die „Sorabija“ 31 aktive Mitglieder und ein Ehrenmitglied.
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